Die wahnwitzige «Cc»-Manie.

Früher war nichts besser, aber anders. Technologischer Fortschritt führt zu Vereinfachungen.

Als man in einer Welt vor unserer Zeit noch mit Durchschlagpapier auf der Schreibmaschine arbeitete, war eindeutig definiert, wer das Originalblatt und wer den Durchschlag («Cc»!) erhielt: das Original an den Menschen, der etwas tun musste, und die «Karbonkopie» an die Leute, die das zu wissen hatten. (Die Auswahl der Verben im vorangehenden Satz ist nicht zufällig!)

Das E-Mail hat diese Regel pulverisiert.

Denn offenbar schalten nicht nur Katzenbilder, Pornoseiten, Aufforderungen zu Geldüberweisungen oder Klickköder das Gehirn ab: Die E-Mail-Funktionen «Cc» und die obskure Blindkopie («Bcc»!) scheinen die Sauerstoffzufuhr ebenfalls negativ zu beeinflussen. Diese Funktionen machen aus einfachen Erdbewohnern die übelsten Mailschleudern.

Es ist simpel: Im «An» adressierte Menschen fordert man direkt auf, etwas zu tun oder etwas zur Kenntnis zu nehmen, im «Cc» angeschriebene Leute müssen das (zusätzlich) wissen, und die im «Bcc» sollten besser einmal überprüfen, ob sie noch einen Puls haben!

Oder anders formuliert: Vom Empfänger von «An»-Mails wird eine Aktion erwartet, die dieser bei Annahme oder Vollzug am besten noch durch «Antworten» bestätigt; vom Adressaten im «Cc» wird keine Aktion oder Rückmeldung erwartet, offenbar aber soll die Person über die delegierte Aufgabe informiert werden. Der im «Bcc» soll … eigentlich gar nix.

Meistens steht im täglichen Mailverkehr nur eine Person im «An», denn dass die Arbeit gemacht wird, ergibt sich durch ein gesundes Arbeitsverhältnis und nicht über ein dutzendfaches Vermailen des Auftrages an «Cc»-Empfänger. Dieser abgesicherte «Ich-habe-es-beauftragt»-Modus ist lächerlich.

Ausnahmen? Klar, die gibt es.

Wahrscheinlich.

Von der Maschine zum Assistenten

Erinnern Sie sich an Namen wie «Archie» oder «Excite»? Gar an «Altavista», «Lycos» oder «Yahoo», die jahrelang den Suchmaschinenmarkt definierten und unter sich aufteilten?

Es gab tatsächlich einmal eine Welt ohne «Google»!

Das mag womöglich für junge Menschen eine ähnlich komische Vorstellung sein wie ein Telefon mit Wählscheibe, aber die grösste und erfolgreichste Suchmaschine der Welt startete in der Tat erst 1996 und war ab September 1997 unter dem heute bekannten Namen online.

Die damaligen «Suchmaschinen» haben mit modernen «Suchassistenten» etwa gleich viel Ähnlichkeit wie eine Kutsche mit einem 350-PS-Boliden. Wo es früher nur darum ging, Ergebnisse zu liefern, die den (potenziellen) Interessen des Anwenders entsprachen, erwarten Benutzer heute Antworten auf (Lebens-)Fragen. Suchmaschinen sind – in der Wahrnehmung – keine Maschinen mehr, sondern persönliche Assistenten: Sie wissen, wann der Regen einsetzt, kennen die beste Verbindung von A nach B, filtern das Web nach persönlichen Interessen und liefern auf so gut wie alle Fragen eine (scheinbar) plausible Antwort …

Wenn man Menschen beobachtet, die ins Telefon reden, bedeutet das nicht mehr zwingend, dass sie bekloppt sind oder aber telefonieren, sondern immer öfter, dass sie «Google & Co.» befragen.

Der Fortschritt bringt Veränderungen mit sich – ob gut oder schlecht sei dahingestellt.

Doch dass sich das Suchverhalten der Menschen verändert, sollte jedem Unternehmen bewusst sein, welches sich ein wenig mit seiner eigenen Auffindbarkeit im Internet beschäftigt: «Fragmentierung» ist dabei das neue Modewort – vereinfacht formuliert: Die Kunst, Informationen in verwertbare Einheiten zu stückeln, schafft Antworten, die Suchmaschinen geben.

Das ist für viele sicherlich die neue «Wählscheibe»!

Fragen, Fragen, Fragen, …

Das Analysetool ist installiert, die Daten kommen rein, die Zahlen sind erstaunlich hoch (oder verdammt niedrig), das Wissen um deren Bedeutung oft inexistent, aber die Freude dennoch unfassbar gross: Denn als PowerPoint-Gesellschaft ist nicht Wissen gefragt, sondern Präsentationstalent.

War das nun böse?

Zahlen nützen Ihnen nichts, wenn Sie nicht verstehen, was sie bedeuten. Ein Gewinnrückgang lässt sich mit Problemen («Scheisse!») oder mit ausserordentlichen Investitionen («Geil!») erklären: 1 + 1!

In der Web-Analytik verhält es sich ähnlich: Reine Besucherzahlen sind keine Aussagen, und ohne «Ereignisse» lassen sich zwar farbige Kuchendiagramme generieren, aber nicht zwingend Schlussfolgerungen ziehen. Eine Zahl ist nur eine Zahl, aber im Zusammenspiel mit einer Verhaltensweise kann sie eine mächtige Aussage zum Besucherstrom und -verhalten werden.

Rückschlüsse können Sie erst ziehen, wenn die richtigen Problematiken und Fragen dazu beschrieben werden, das Team aufgestellt ist und die Analysetools eingerichtet sind.

Die Fragen zur Webanalyse sind dann beispielsweise, was die grundsätzlichen Onlineziele des Unternehmens sind, welche Interaktionen im Detail analysiert werden sollen, ob und welche Call-to-Actions verfolgt werden müssen, ob es A/B-Testings braucht (und, wenn nein, warum nicht), ob Google Analytics die beste Lösung für die Firma ist oder ob es andere Lösungen gibt, ob in der Firma Ressourcen und Intelligenz vorhanden sind, um die Daten zu interpretieren und ob es ein Budget dafür gibt.

Dass Wissen Macht ist, steht ausser Frage. Im Web bedeutet Macht, besser als die anderen zu sein, schneller und optimaler zu reagieren, auf Kundenbedürfnisse einzugehen und den Kundenvorteil zum Unternehmensvorteil zu machen: Verstehen Sie Ihre Zahlen! Und handeln Sie danach.


«Einfach gesagt» gibt es auch als Buch!