Suchmaschinen-Fetischismus: Optimiere mich!

Inhalte für Suchmaschinen gestalten treibt gelegentlich seltsame Blüten, auch für Leserinnen und Leser.

Sätze verkomplizieren sich mit substantivierten Verben und werden zu unfassbar wichtigen Aussagen hochstilisiert, jedoch ohne eine nachprüfbare Argumentation bereitzuhalten; die Content-Marketing-Autoren schiessen zusätzlich verzweifelt mit leeren Worthülsen um sich und erweitern ihr sprachliches Repertoire mit banalen und wortreichen Hohlphrasen, um auch dem allerletzten Suchmaschinenbot zu gefallen.

Genug der nichtssagenden Worte. 😉

Was für ein Drama diese einseitige Liebeserklärung doch ist: Auf der einen Seite die vom Marketing gepeitschten Schreiberlinge, die lechzend den Bots und den dahinter liegenden Algorithmen nachhecheln und – unbedingt! – verstehen wollen, wie sie funktionieren, und auf der anderen Seite ebendiese Bots, die durchaus immer besser verstehen, wer sie mit schlechten Inhalten zu beschwindeln versucht.

Das digitale Katz-und-Maus-Spiel gewinnen heute schon die Bots, denn die Algorithmen werden nicht nur von Tag zu Tag schneller und umfassender, sondern eben auch fähiger in den Analysen.

Viele Optimierungskonzepte der letzten Jahre – gar Jahrzehnte – stehen vielleicht endlich zur Diskussion. Oder aber man besinnt sich wieder der alten Weisheiten, dass ein Text für Menschen (und nicht für Bots) geschrieben wird und ein professioneller Redaktor durchaus wissen sollte, wie man gute Texte schreibt, damit sie gelesen und verstanden werden – und die dann auch ihren Preis haben (müssen).

Jedenfalls sehne ich mich nach Besprechungen, wo über gute Inhalte diskutiert und nicht nur über suchmaschinenoptimierte Textfragmente gequasselt wird.

Es war einmal ein Drama, aber das hatte keine Queen

Und damit ist diese Geschichte auch bereits zu Ende. Storytelling. Das Schlagwort der Stunde, welches bei digitalen Medien die Runde macht. Leider sind die meisten Websites und Social Media Posts, welche mit dem Etikett „Storytelling“ versehen werden, etwa so interessant wie der Trocknungsvorgang einer frisch bemalten Wand. Niemand lässt sich vom Stuhl reissen, wenn kein Konflikt herrscht oder nichts Verblüffendes passiert und die gehörige Portion Drama fehlt.

Glücklicherweise gibt es immer wieder Ausnahmen, denn mit den heutigen technologischen Mitteln lassen sich originelle digitale Umsetzungen realisieren, sofern eine solide Idee vorhanden ist.

Eine solche Ausnahme kommt von der Designerin und Illustratorin Katrin von Niederhäusern. Sie wollte für den amerikanischen Rapper Action Bronson arbeiten. Anstatt ihm eine E-Mail zu schicken, kreierte sie eine illustrierte Website als Bewerbung und warf ihm an einem Konzert ihre Unterwäsche auf die Bühne – mit aufgemalter URL. Als der Blick davon Wind kriegte, brachte dieser einen Artikel über die Bewerbung, was für weitere Publicity sorgte. Zwar klappte es mit Action Bronson nicht, dafür kontaktierten Leute aus aller Welt die gute Katrin. Und dies alles nur aufgrund einer Website.

Ein weiteres gelungenes Beispiel stammt von der Zürcher Digitalagentur KiloKilo, welche die Website Bling Bling Money lancierte. Diese Site verwandelt jedes Smartphone in eine „Money Gun“ und mit einer Swipe-Bewegung lässt man dann Geldscheine über den Bildschirm flattern. Man kann auch ein Bild hochladen oder einen YouTube-Film abspielen lassen und mit Geld bewerfen. Eigentlich ideal für Scheidungsanwälte: im Gespräch mit einem möglichen Klienten, lade man ein Bild der zukünftigen Ex hoch und demonstriert ihm damit wie teuer einen die falschen Scheidungsanwälte zu stehen kommen.

Zu guter Letzt: Michelberger’s Fountain of Youth. Kokoswasser aus der Dose. Der Besucher landet auf einer illustrierten Insel, erfährt was über die Vorzüge von Kokoswasser, dessen Produktion und wo es das Kokoswasser zu kaufen gibt. Und wer das Buch neben der Palme aufschlägt, findet heraus was es mit dem Affen auf sich hat. Mit den kleinen Spielereien und der unbeschwerten Musik sticht diese Site aus dem Einheitsbrei der sonstigen fantasielosen Firmen-Websites auf, ohne dass die Funktion darunter leidet. Da wird es schwierig den Name Fountain of Youth zu vergessen.

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Parvez Sheik Fareed

Das ist ein Gastbeitrag von Parvez Sheik Fareed.

Herr, die Not ist gross!

Die Tatsachen sind bekannt, die Medien berichten ab und an darüber, und dennoch ist wahrscheinlich vielen Menschen nicht bewusst, warum Social Bots eine echte Gefahr für Demokratien sein können.

«Social Bots sind» – so definiert es die Brockhaus Enzyklopädie – «autonom agierende Programme, die in der Lage sind, menschliche Kommunikationsmuster zu imitieren.» Oder anders formuliert: Eine Software kann nicht intelligent sein, aber sie kann so programmiert werden, dass Menschen denken, sie hätten es mit Menschen bzw. mit Intelligenz zu tun.

Und da setzen die Programmierer an: Social Bots interagieren im Sinne der Auftraggeber mit Menschen auf sozialen Medien oder sonstigen Websites: Sie kommentieren, provozieren oder führen Gespräche, und sie machen das effizienter und flächendeckender – ! – als jeder reale Mensch. Dass dies bereits gemacht wird, darüber muss nicht gemutmasst werden. Es ist eine Tatsache, und die Gefahr für den öffentlichen Diskurs ist real.

Warum das so ist?

Es liegt im Interesse von Machtzentren, Parteien und sonstigen öffentlich exponierten Stellen (und deren PR-Strategen), die Diskussionen auf allen Kommunikationskanälen zu kontrollieren oder zu beeinflussen: Das ist nicht neu, deswegen aber nicht zwingend gut und ist auch in Europa politischer Alltag.

Gefährlich wird es aber, wenn über Social Bots ein gesellschaftlicher Trend ausgelöst oder ein Meinungsbild generiert wird, welches mit der Realität nichts gemein hat: Gezielt Beiträge zu liken und zu retweeten ist dabei noch die einfachste Form der systematischen Einflussnahme. Die Wirkungskraft ist potenziell enorm und wird allgemein unterschätzt.

Bei der Brexit-Abstimmung oder im US-Wahlkampf wird den Bots einen grossen Einfluss auf die Meinungsbildung nachgesagt und die AfD will, wie kolportiert wird, gezielt Bots für die Meinungsbildung anwenden. Und obwohl die Schweiz sich gerne als Insel sieht: Sie ist es nicht; auch bei uns tummeln sich Heerscharen solcher Bots auf sozialen Medien.

Ob wir sie je wieder loswerden die Geister, die wir riefen?

 

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Der Titel der Kolumne und die letzte Zeile nehmen Bezug auf die wunderschöne Ballade von Johann Wolfgang von Goethe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberlehrling

Zum Lesen: