Vertikal scrollen.

Kennen Sie das „F“-Wort, welches man gerne – ein bisschen abschätzig – einer Berufsgattung anfügt? Investoren-F… oder Design-F… oder Bauführer-F… oder was es sonst noch so an Berufen gibt. Leider darf ich es nicht ausschreiben, da mir sonst mein Verleger die Kolumne um die Ohren haut.

Jedenfalls ist mir das anrüchige Wort vor ein paar Tagen an einer Sitzung rausgerutscht. Gute Stimmung herrschte danach tatsächlich nicht mehr.

Die Diskussion hatte friedlich begonnen und wir waren uns am Tisch vieler Dinge einig geworden. Als ich aber erwähnte, dass ein höhenfixiertes Layout bei einer reinen Informationswebsite nicht so toll sei, ging die Diskussion – oder besser: die Auseinandersetzung – erst richtig los. Der Inhalt habe sich, so der verantwortliche Designer, nach dem vorgegebenen Layout zu richten und ein vertikales Scrollen käme auf gar keinen Fall in Frage. Es sei ja schliesslich nicht in der Verantwortung von Content-Schreiberlingen (sprich: die Menschen, die die Inhalte definieren, strukturieren und schreiben) über die Ausrichtung einer Website zu entscheiden. Ich hielt dagegen, dass Inhalte durchaus wichtig seien, zudem ein vertikales Scrollen von den Benutzern nicht als störend empfunden und ausserdem eine Fixierung der Websitehöhe dem Grundsatz der Geräteunabhängigkeit widersprechen würde.

Seine Antwort liess mich schaudern: „Das ist mir egal.“ Ich machte eine abschätzige Handbewegung und liess mich leider zur eingangs erwähnten Wortkombination verleiten.

Und dennoch endet die Geschichte im Sinne der Benutzerfreundlichkeit: Dem Kunden nämlich war der Wunsch des Designers egal. Und auch das „F“-Wort fiel während meinem Telefonat mit dem Kunden. Aber dieses Mal war ich unschuldig.

Schöne neue Welt.

In fünf bis zehn Jahren – so die Prognosen – werden wir ein komplett neues und erweitertes Leben führen. Möglich wird das nicht durch komische Drogen, sondern durch die „erweiterte Realität“.

Das Prinzip ist einfach: Handys, Brillen oder Projektoren können – durch eingebaute Kameras – die Realität ablichten und gleichzeitig zusätzliche Informationen einblenden. Über eine App des schwedischen Möbelhersteller können zum Beispiel heute schon Artikel im eigenen Wohnzimmer im korrekten Verhältnis und aus richtiger Perspektive dargestellt werden. Auch bei den Autoherstellern schläft man nicht. So sollen in naher Zukunft die Hinweise zur Navigation nicht am kleinen Bildschirm angezeigt, sondern gezielt auf die Windschutzscheibe projiziert werden, so dass diese auf der Fahrspur zu liegen kommen. Das Head-Up-Display war nur der zögerliche Anfang. Auch für die Baubranche eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten: Apps helfen mit 3-D-Renderings Liegenschafen zu verkaufen, lenken den Sattelschlepper, zeigen dem Kranführer, wo die elektrischen Leitungen der SBB verlaufen oder informieren an Info-Points die Besucher gezielter über Baustellen.

Ob diese „erweiterte Realität“ tatsächlich den Siegeszug antritt, der ihr prognostiziert wird, kann ich nicht beurteilen. „Augmented reality“ wird schon seit Jahren als „die Zukunft“ gehandelt. Die Google-Brille ist zwar bereits erhältlich, doch die Zugriffszahlen sind (noch sehr) bescheiden. Neue Anbieter drängen allerdings mit Brillen, Uhren oder sonstigen Geräten auf den Markt und verhelfen den Konzepten vielleicht zum Durchbruch.

Dann entscheidet sich auch, ob es lustig ist, sich tagtäglich mit noch mehr Informationen zubomben – tschuldigung – berieseln zu lassen.

Ausnahmsweise bin ich skeptisch. Aber ich gehöre auch schon zum alten Eisen.

Wartungsarbeiten.

Mein Warmwasserzähler im Badezimmer ist kaputt. Nicht, dass ich genau verstehe, was der macht. Denn der Krach, den er mittlerweile verursacht, kann nicht nur vom durchfliessenden Wasser kommen: Es rülpst, knattert und klopft. Während schlaflosen Nächten habe ich im Web nach Morse-Übersetzungsdiensten gesucht. Doch leider ergaben die Klopfzeichen keinen Sinn. Schade. Insgeheim hatte ich auf Nachrichten von Sam (oder aus dem All) gehofft.

Aber wie mir der Monteur versicherte, sei ich in guten Händen bei meiner Vermieterin. Dies, weil sie die kaputten Dinge einigermassen zeitnah reparieren und auch sonst im Haus alle nötigen Arbeiten vorausschauend machen lässt. Eine gute Hauswartung trägt zur Werterhaltung einer Immobilie und gleichzeitig zum Wohl der Hausbewohner bei. Um das zu verstehen, muss man kein Immobilienprofi sein.

Im Internet verhält es sich gleich. Es ist ein Denkfehler anzunehmen, dass man eine Webdienstleistung – sei es nun eine Website, eine App oder ein Social-Media-Eintrag – online stellen kann und danach nichts zu pflegen habe. Falls die Dienste einigermassen nach Standards aufgesetzt und programmiert worden sind, so werden über die Zeit zwar keine technischen Fehler – im eigentlichen Sinne – auftreten: Browser aber werden aktualisiert und interpretieren HTML/CSS-Codes oft anders, Internet-Technologien und –Dienste werden weiterentwickelt und was heute noch stimmt, kann morgen schon belächelt und übermorgen als fahrlässig bezeichnet werden. Das Tempo der Weiterentwicklungen fühlt sich verbrecherisch an, aber es ist eine Tatsache, dessen man sich bewusst sein muss. Denn was heute „state-of-the-art“ sein mag, ist morgen schon ein Relikt einer anderen Zeit.

Und dann helfen auch keine Morse-Übersetzungsdienste.